Wahlen in der DDR waren in erster Linie „Bekenntnis zum sozialistischen Staat“. Möglichst alle sollten zur Wahl gehen und ihr Ja zur Einheitsliste abgeben. Die Kandidaten aus den in der „Nationalen Front“ zusammengeschlossenen Parteien und Massenorganisationen stellten sich in Wählerforen vor und wurden bei der Aufstellung für die Wahlkreise auf eine Liste gesetzt. Die Wähler falteten diese und warfen sie ungeändert in die Wahlurne. Damit war die Einheitsliste bestätigt. Als Nein-Stimme galt nur, wenn alle Kandidaten durchgestrichen waren, alles andere zählte als ungültige Stimme. Die offiziellen Ergebnisse wiesen 97-99% Ja-Stimmen aus. Der offensichtliche Betrug beim „Zettelfalten“ im Mai 1989 war einer der Auslöser der friedlichen Revolution.

An den Standorten der Bausoldaten führten Wahlen immer wieder zu Konflikten. 1967 versuchten Bausoldaten in Garz und Stralsund eigene Kandidaten aufzustellen, scheiterten aber. Oft war die Zahl der Nein-Stimmen und Wahlverweigerungen überdurchschnittlich hoch, teilweise mehr als 50%. 1974 verweigerte eine komplette Kompanie Bausoldaten in Torgelow die Teilnahme an der Wahl. Die NVA schickte meist die Bausoldaten am Wahlsonntag in Kurzurlaub, um diesen Problemen aus dem Wege zu gehen.

1984 gelang es Bausoldaten in Prora nachzuweisen, dass die Ergebnisse ihres Wahlkreises gefälscht waren, die im Wahllokal verkündete Zahl der Nein-Stimmen lag höher als das offizielle Endergebnis für den ganzen Wahlkreis. 28 Bausoldaten forderten in Eingaben Aufklärung und Neuwahlen. In Einzelgesprächen erklärte man das Ergebnis mit fadenscheinigen Gründen: Wegen der Geheimhaltung der Truppenstärke seien die Wahlstimmen auf die Heimatkreise aufgeteilt worden.

 

Matthias Sengewald

Textauszug aus der Ausstellung "Briefe von der Waffenlosen Front" mehr