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Inhalt:

(die Kapitel 1 - 4 sind im nebenstehendem Text ausgelassen, die Nummerierung hat sich entsprechend verschoben)

1     Vorwort
2     Die veränderte Lage für das MfS..
3     Die Umstrukturierung und die Aktenvernichtung im MfS..
4     Die Beobachtungen der Bürger
5     Die Tage vor der Besetzung.
6     Der Tag der Besetzung.
6.1     Montag 6 Uhr45.
6.2     Montag etwa 7 Uhr15.
6.3     Montag zwischen 7.00 Uhr und 8.00Uhr
6.4     Montag 7.00 Uhr
6.5     Montag ab 8.00 Uhr
6.6     Montag nach 8.00 Uhr
6.7     Montag ab 9.00Uhr
6.8     Montag gegen 9.00Uhr
6.9     Montag gegen 10.00Uhr
6.10    Montag gegen 11.00 Uhr und 11.30.
6.11    Die Verhandlungen im Konferenzzimmer der BV..
6.12    500 Bürger in der Bezirksverwaltung
6.13    Die Besetzung der Kreisdienststelle des MfS..
6.14    Montag 16.30Uhr
6.15    Montag ab 18.00Uhr
7     Die nächsten Tage
8     Zusammenfassung
9     Anhang


Der chronologische Ablauf der Ereignisse am 4. Dezember 1989

1      Die Tage vor der Besetzung

Ende November / Anfang Dezember 1989

30.November 1989

Nach dem Abschluss des Friedensgebetes und vor der Donnerstags – Demonstration am 30.November 1989 wurde folgendes verlesen:

„Obwohl sich täglich die Ereignisse überschlagen, sind viele unserer Forderungen nicht erfüllt. Deshalb demonstrieren wir auch heute wieder für

  • Vollständige Entmachtung der SED und ihrer Helfershelfer, Rücktritt von Egon Krenz als Staatsratsvorsitzender, Rechenschaftslegung, Entschuldigung der SED für Amtsmissbrauch, Unterdrückung, Schmarotzertum und aller anderen Verfehlungen. Und entsprechende Bestrafung
  • Konsequente Trennung von Gesellschaft und SED, insbesondere für die Bereiche Nationale Volksarmee, VP, Wirtschaft, Betriebe und Kultur
  • Freie und geheime Wahlen 1990
  • Auflösung des Amtes für Nationale Sicherheit, der Kampfgruppen, Abbau der Sperr –und Sicherheitsanlagen in der Andreasstraße
  • Rücktritt des Rates der Stadt und des Rates des Bezirkes und Direktwahl des Oberbürgermeisters“

1.Dezember 1989

Anfang Dezember überschlagen sich die Ereignisse regelrecht.

Am 1. Dezember beschließt die Volkskammer mit großer Mehrheit, die in der Verfassung der DDR verankerte Führungsrolle der SED zu streichen. Damit entfällt im Artikel 1, dass der Sozialismus unter Führung der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch–leninistischen Partei gestaltet wird. Ein Erfolg der Demonstranten.

2.Dezember 1989

In Kavelstorf / Kreis Rostock besetzen am 2. Dezember die Bürger eine große Lagerhalle der IMES GmbH, die vollgestopft war mit Waffen für den internationalen Waffenhandel. [1]

3.Dezember 1989

In der Nacht zum 3. Dezember 1989 setzte sich der Staatssekretär im Ministerium für Außenhandel und Leiter des Bereiches „Kommerzielle Koordinierung“ (KoKo)  Alexander Schalck-Golodkowski ab, nachdem die Vorgänge in Kavelstorf bekannt und somit die KoKo-Firma IMES als Drehscheibe für den internationalen Waffenhandel enttarnt wurde. Regierungssprecher Meyer erklärte, der bisherige Chef des Bereiches sei sofort aller Ämter enthoben. Er hatte noch am Vortag offizielle Verhandlungen in Bonn geführt.
Am Tag folgen hunderttausende DDR–Bürger dem Aufruf zur Bildung einer Menschenkette quer die gesamte Republik als Zeichen der Entschlossenheit für eine demokratische Erneuerung.
Der ehemalige Generalsekretär Erich Honecker, Ex-Premier Willi Stoph, Ex-Gewerkschaftschef Harry Tisch, Ex-Parlamentspräsident Horst Sindermann und Ex-Staatssicherheitsminister Erich Mielke wurden gemeinsam mit anderen hohen Funktionären wegen schwerer Verstöße gegen das Statut aus der SED und unter dem Druck der Bevölkerung und der Parteibasis ausgeschlossen.[2] Harry Tisch, Ex-Wirtschaftssekretär Günter Mittag sowie die Bezirkschefs Gerhard Müller (Erfurt) und Hans Albrecht (Suhl) wurden verhaftet.
Das Zentralkomitee und das Politbüro der SED erklärte am Nachmittag ihrem geschlossenen Rücktritt.

Am 3. Dezember 1989 kam in Grünheide bei Berlin eine überregionale Initiativgruppe des Neuen Forums [3] im Haus von Robert Havemann zusammen. In diese Beratung platzen die Nachrichten:

     von der Flucht des seit Tagen in die Schusslinie geratenen Staatssekretärs und Leiters des Bereiches „Kommerzielle Koordinierung“ Alexander Schalk – Golodkowski und mit der Absetzung in Zusammenhang stehender Verschiebung von Finanz– und Sachwerten ins Ausland;

     von Aktenvernichtung und dem Auffinden von 2 Mio. Mark der DDR ohne Belege in der Berliner Zentrale des FDGB durch Mitglieder des NF;

     vom Ausschluss E. Honeckers, W. Stophs, H. Tischs, H. Sindermanns, E. Mielkes aus der SED, wegen schwerer Verstöße gegen das Statut.

H. Tisch, G. Mittag und von der Verhaftung der Bezirkschefs der SED G. Müller (Erfurt) und E. Albrecht (Suhl).

Nach intensiver Beratung und harter Auseinandersetzung wurde von der Initiativgruppe ein Flugblatt erarbeitet, in dem zur Bürgerkontrolle in Wirtschafts- und Staatsapparat aufgerufen wurde: [4].

„NEUES FORUM                                                                                             3.12.1989

Das NEUE FORUM wendet sich an alle Bürgerinnen und Bürger der DDR

Wir haben erfahren, dass angesichts der Staatskrise

- wichtige Finanzwerte und Sachwerte ins Ausland verbracht werden

- wesentliche Akten vernichtet werden

- verantwortliche Personen sich ins Ausland anzusetzen versuchen

Diese Absetzbewegungen und Verschleierungsversuche müssen verhindert werden!

Bürgerinnen und Bürger!

Ihr wisst, in welchen Betrieben, Banken und Institutionen die Möglichkeit zu solchen Praktiken gegeben ist. Ruft Belegschaftsversammlungen zusammen, die Kontrollgruppen für die Verhinderung solcher Machenschaften einsetzen.

Verständigt Euch mit anderen Betrieben und mit Bürgerbewegungen Eures Vertrauens! Beschließt wo nötig gemeinsame Kontrollmaßnahmen und sorgt für deren Öffentlichkeit!

Wir fordern die Regierung Modrow auf, Eure Bürgerkontrolle in Wirtschaft und Staatsapparat zu unterstützen und Fluchtversuche belasteter oder verdächtiger Funktionäre zu unterbinden.

Nach wie vor gilt: Keine Gewalt!

Für den Ausschuss des Landessprecherrates NEUES FORUM:
Bärbel Bohley, Berlin; Matthias Büchner, Erfurt; Erika Drees, Stendal; Ingrid Köppe, Berlin; Reinhard Meinel, Potsdam; Jochen Läßig, Leipzig; Hans-Jochen Tschiche, Magdeburg.“

Aus dem Wortlaut des Aufrufes im Flugblatt aus Grünheide konnte nicht verbindlich geschlussfolgert werden, dass mit der darin genannten Aktenvernichtung ausschließ­lich Akten der Staatssicherheit gemeint seien. Es ging allgemein darum, wichtige Daten und Werte vor Vernichtung, Diebstahl, Versendung ins Ausland zu sichern.

Der Text des Flugblattes wurde noch am Abend des 3. Dezember von Matthias Büchner, der als Mitglied des Landessprecherrates am Initiativtreffen teilnahm, telefonisch nach Erfurt weiter gegeben. Entgegen genommen wurde der Text von Barbara Ruge. Das Ehepaar Barbara und Manfred Ruge hatten dem Neuen Forum einen Raum als provisorisches Büro in ihrem Wohnhaus zur Verfügung gestellt.

Zusammen mit dem im Funkwerk beschäftigten Elektroniker Jens Fröbel organisierte Manfred Ruge noch in der Nacht den Druck von 4000 Flugblättern mit dem in Grünheide erarbeiteten Text. Bis gegen 5 Uhr morgens waren diese in Briefkästen der Stadt verteilt [5].

Auch die DDR-Medien berichteten von dem Aufruf des Neuen Forum.

Die sich täglich überschlagenden Meldungen der fortschreitenden Destabilisierung der DDR forderten zweifelsfrei auch die erhöhte Aufmerksamkeit und Sensibilität Erfurter Bürger, besonders der Mitglieder der oppositionellen Gruppen über Vorgänge und Veränderungen staatstragender Stellen, wobei dem noch immer intakten Staatssicherheitsdienst ein erhöhtes Misstrauen galt.

Bereits am Nachmittag des 3. Dezember stellte Christian Elis, der Hausmeister der Evangelischen Andreasgemeinde fest, dass aus dem Schornstein des Bezirksamts ein ungewohnter Rauch aufstieg. Da er immer Sonntagnachmittags die Heizung betreiben musste, damit die Gemeinderäume für die Gemeindearbeit am Montag ausreichend beheizt waren, fiel ihm als Heizer die Rauchentwicklung aus Gebäuden der gegenüberliegenden Bezirkszentrale des MfS ganz besonders auf, wissend, dass die dortige Heizung mit Gas betrieben wurde, die nur wenig helle Abgase verursachte.

Er weiß, dass die dortige Heizung mit Gas betrieben wird und normalerweise helle Abgase verursacht. Diese Beobachtung veranlasst ihn, seine Bekannte Angelika Schön aufzusuchen. Beide kennen sich aus der OFFENEN ARBEIT. Ihr erzählt er am frühen Abend des 3. Dezember von seiner Beobachtung und dass er auch gesehen habe, wie verbrannte Papierfetzen durch die Luft wirbeln. Beide gehen davon aus, dass mit ziemlicher Sicherheit in der Bezirksver­waltung Akten vernichtet werden. Noch am gleichen Abend – es ist Sonntag – geben sie die Information an Mitglieder der Opposi­tionsgruppen weiter. 

Am gleichen Sonntagabend sitzt Dr. Kerstin Schön mit ihrer Lebenspartnerin Sabine Fabian vor dem Fernseher. Beide sind in der Frauengruppe „Frauen für Veränderungen“ aktiv, die aus den untereinander gut vernetzten Frauengruppen hervorgegangen war. Kerstin Schön erinnert sich: „An dem Abend, bevor wir gemeinsam mit vielen Menschen in Erfurt die Stasizentrale besetzt haben, waren wir zu zweit, zwei Frauen, die im Fernsehen über einen Westsender gesehen haben, was in Berlin geschehen ist und die das dringende Gefühl hatten, das irgendetwas geschehen müsste hier bei uns in Erfurt. Wir hatten also praktisch über die letzten Tage beobachtet, was in Berlin so passiert war mit der Bürgerwache vor der Staatssicherheit und dann war irgendwann im Fernsehen zu sehen, wie trotz dieser Bürgerwache diese Akten verbrannt worden waren.“ 

Die Beobachtungen veranlassten aber sowohl Angelika Schön als auch Kerstin Schön und Sabine Fabian, am nächsten Morgen zu handeln.[7]

2         Der Tag der Besetzung

4. Dezember 1989

Die Beobachtungen veranlassten aber sowohl Angelika Schön als auch Kerstin Schön und Sabine Fabian, am nächsten Morgen zu handeln.

2.1    Montag 6 Uhr45

Am frühen Morgen des 4. Dezember 1989 fuhren Kerstin Schön und Sabine Fabian, mit dem Trabant von Kerstin Schön zu Gabi Stötzer[9], um sie einzubeziehen und erhalten sofort ihre Zusage zur Mitwirkung. Danach wird Sabine Fabian an ihrer Arbeitstelle Wissenschaftliche- Allgemein- Bibliothek abgesetzt, um von dort aus die betriebseigenen Handwerker von der Notwendigkeit der sofortigen Stasibesetzung zu überzeugen. Da  in der Regel in den volkseigenen Betrieben Montag Arbeitsbe­ratungen stattfanden war es ihr möglich die Informationen über die Besetzung des MfS/AfNS an Betriebe weiterzugeben und zur Teilnahme aufzufordern.

2.2    Montag 7.00 Uhr

Unabhängig und nicht mit der anderen Frauengruppe abgestimmt begab sich Angelika Schön, in die evangelische Predigerschule, an der sie damals studierte, um Menschen zur Mitwirkung an der Besetzung des MfS/AfNS zu mobilisieren.[10] Eine Mitstudentin informiert das katholische Priesterseminar, und Angelika Schön fährt mit dem Rad zu weiteren Bekannten aus der OFFENEN ARBEIT in Erfurt.

Nachdem in der Predigerschule noch ein weiterer Anruf eingeht, vermutlich von Almuth Falcke, setzte der Leiter der Predigerschule, Pfarrer Lippold, die für diesen Morgen anberaumte Mitarbeiterbesprechung ab und beorderte seine Mitarbeiter und Studenten zum MfS/AfNS. Der neben dem Augustinerkloster wohnende Kantor fährt mit seinem PKW zwei große Thermobehälter mit eilig in der Küche gekochtem Tee zur Andreasstraße.

Zeitgleich werden verschiedene andere Personen angerufen, von denen man wusste, dass sie sofort bereit wären, diese spontane Aktion mit durchzuführen und Verantwortung zu übernehmen.

2.3    Montag etwa 7 Uhr15

Zwischenzeitlich fuhren Kerstin Schön und Gabi Stötzer zu zwei weiteren Mitstreiterinnen: Zunächst zu Claudia Bogenhardt, die durch Gabi Stötzer in Kenntnis gesetzt wurde. Kerstin Schön fährt allein weiter zu Tely Büchner, um auch Matthias Büchner in das Vorhaben einzubeziehen. Matthias Büchner schlief aber noch, da er erst spät nachts aus Berlin von einer Zusammenkunft der überregionalen Initiativgruppe des Neuen Forums zurückgekommen war. Aber Tely Büchner, obwohl hochschwanger, war sofort bereit, mitzugehen[11].

2.4    Montag zwischen 7.00 Uhr und 8.00Uhr

Die Mitarbeiterin im Büro der Evangelischen Augustinergemeinde hatte es im Herbst 1989 übernommen, als Sekretärin im neu gegründeten „Demokratischen Aufbruch“ (DA) mitzuarbeiten[12-1]. Als sie am Morgen des 4. Dezember 1989 zur Arbeit ging, bemerkte sie auf dem Weg ungewöhnlich starken Verbrennungsgeruch, der anders war als der sonst gewohnte Smog der Herbst- und Wintermonate in Erfurt. Bereits beim Betreten ihres Büros, zwischen 7 und 7:30 Uhr, klingelte das Telefon. Es meldete sich eine männliche Stimme mit der Frage;“ Sind Sie das Büro des DA?“ Das bejahend berichtete der Teilnehmer: „Ich bin bei der Stadtwirtschaft auf der Mülldeponie in Schwerborn beschäftigt, täglich kommen LKW’s an mit Verbrennungsrückständen von Papier, Papierasche und Metallteilen, wie sie in Ordner verwendet werden. Ich möchte das mitteilen!“[12-2]

Darufhin informierte sie sofort telefonisch Almut Falcke über diese überaus wichtige Mitteilung.[12-3]

Sie ging dann auch zur Bezirksverwaltung des AfNS/MfS in die Andreasstraße und sah die dort bereits versammelten Bürger. Weil es sehr kalt war, eilte sie zurück zum Augustinerkloster und veranlasste, dass in der Küche der Predigerschule Tee gekocht wurde[12-4], Die wurden dann vom im selben Haus wohnenden Kirchenmusiker mit seinem PKW zur Andreasstraße gefahren[12-5].

Kerstin Schön informierte ebenso weitere vertrauensvolle Mitstreiterinnen und Mitstreiter aus anderen Gruppen über das Vorhaben der Besetzung, so Almuth Falcke und ihr Mann Probst Heino Falcke, das Pfarrerehepaar Sigrid und Johannes Staemmler[13], Matthias Sengewald[14] und andere.

Almuth Falcke teilt sie mit:

„die Stasi raucht schwarz, die vernichten Akten. Trommle zusammen, wen du findest und besetz’ die Tore. Ich mache das Gleiche!“…, und bat sie weitere Menschen aus oppositionellen Gruppen telefonisch zu informieren[12]. 

Manfred Ruge (Neues Forum und spätere Oberbürgermeister der Stadt Erfurt) erhält ebenso einen Anruf von Kerstin Schön mit der Mitteilung, die BV des MfS zu besetzen und die Vernichtung der Akten zu verhindern.

Manfred Ruge erinnert sich:

”Am 4.12,1989 morgens 7 Uhr erreichte mich der Anruf von Frau Dr. Schön, die von der beginnenden Aktenvernichtung auf dem Stasi-Gelände berichtete. Eine halbe Stunde später sprachen wir bei dem Interims-Oberbürgermeister Hirschfeld vor, der auch nichts Besseres wusste, als uns an die Staatsanwaltschaft zu verweisen.” [15]

Gabi Stötzer informierte telefonisch Elisabeth Kaufhold in der Poliklinik Mitte und diese setzte Barbara Sengewald (damals Weisshuhn) sofort in Kenntnis.

2.5    Montag ab 8.00 Uhr

Ab diesen Zeitpunkt laufen mehrere Aktionen parallel.

Nach der Telefonaktion fährt Almuth Falcke [16] mit ihrem Mann, dem Erfurter Propst Dr. Heino Falcke, an das zurückliegende Tor hinter dem Bezirksgericht (heutige Bechtheimer Straße). Sie stellen zunächst ihren eigenen PKW –Wartburg quer zur Straße. Später blockiert dann ein LKW der Städtischen Verkehrsbetriebe[17] die Zufahrt, so dass der Eingang abgesperrt ist.

Frau Falcke erzählte in diesem Zusammenhang anlässlich der Gedenkveranstaltung zum 10.Jahrestag der Besetzung der STASI folgende Anekdote:

“Nachdem mein Mann mit seinem Wartburg die Ausfahrt, als erste Präventivmaßnahme, versperrt hatte, kam das Fahrzeug der städtischen Müllabfuhr zur Hilfe. Der Fahrer sagte zu meinem Mann: ’Hau mit deiner Karre ab, wir können das mit unserem LKW viel besser!“ Auch Elisabeth Kaufhold und Barbara Sengewald (damals Weisshuhn) treffen gegen 8 Uhr, von ihrer Arbeitsstelle PGH Maler- Nord kommend, an der Bezirksverwaltung ein.

2.6    Montag nach 8.00 Uhr

Nachdem sich Kerstin Schön, Gabi Stötzer, Tely Büchner und Claudia Bogenhardt nach ihren Einzelaktionen wieder getroffen hatten, begaben sie sich gemeinsam zum Rathaus, ebenso Manfred Ruge, (der OB Hirschfeld kannte).

Hier fand seit acht Uhr die erste Ratssitzung[18] mit dem neuen, amtierenden Ober­bürgermeister Hirschfeld statt.

Durch die Genannten wurde die Ratssitzung, nachdem sie sich Zugang zum Rathaus verschafft hatten, unterbrochen, und sie teilten den Versammelten mit, dass in der Bezirksverwaltung des MfS Akten vernichtet würden, dass diese STASI-Behörde besetzt würde. Sie forderten den Oberbürgermeister und die Ratsversammlung auf, an der Verhinderung der Aktenvernichtung, der Sicherstellung der Unterlagen mitzuwirken.[19]

OB Hirschfeld begab sich mit den fünf Personen in sein Büro sprach nur kurz mit den Anwesenden, da er in die Ratssitzung zurück musste. Der OB machte deutlich, dass „er da nichts machen kann“, Sie müssen sich an die Staatsanwaltschaft wenden, und wenn Sie auf Stadtebene etwas erreichen wollen, müssen sie zur Kreisdienststelle des MfS gehen“[20].

Er beauftragte den amtierende Stadtrat für Inneres[21], sich weiter um die Anliegen der Frauen zu kümmern. Dieser fuhr mit Gabi Stötzer und Claudia Bogenhardt zur Kreisdienststelle des MfS in die Straße der Einheit und hat dort den Kontakt mit dem Leiter der Kreisdienststelle Oberst Schneeberg hergestellt.

Zur gleichen Zeit fahren Kerstin Schön und Tely Büchner vom Rathaus aus zum Rat des Bezirkes Erfurt. Im Gespräch mit dem Vorsitzenden des Rates des Bezirkes Arthur Swatek wurde ihnen nach ihrer Mitteilung, dass die Bezirksverwaltung und die Kreisdienststelle des MfS besetzt würden, zugesichert, dass die Türen dieser Dienstobjekte geöffnet würden um eine Eskalation zu vermeiden.

Swatek war zu diesem Zeitpunkt mit Sicherheit bereits über die Situation vor Ort informiert worden.

Manfred Ruge fährt nach dem Gespräch im Rathaus zur Andreasstraße.

2.7    Montag ab 9.00Uhr

Während sich die Frauen der Bürgerinneninitiative „Frauen für Veränderung“ für die erforderlichen formellen Regelungen bei den staatlichen Stellen um des Grundsatzes „Keine Gewalt“ willen bemühen, hatten sich gegen 9 Uhr an den wichtigsten Zugängen der Bezirksverwaltung Andreasstraße und der Kreisdienststelle in der Straße der Einheit schon eine größere Menschenmenge versammelt. Die Meldungen über die Besetzung der STASI hatten sich rasend schnell verbreitet.

Unterstützung kam aus allen Kreisen der Bevölkerung. Betriebsangehörige aus der Optima und des Funkwerkes, die Angestellten der Buchhandlung Peterknecht, Studenten der beiden kirchlichen Ausbildungsstätten und ihre Dozenten, Mitarbeiter aus den innerstädtischen Kirchgemeinden, Bürger, die durch mündliches Weitersagen, bei Einkäufen in Kaufhallen usw. von der „STASI-Blockade“ erfuhren. Durch Sabine Fabian, Verena Kyselka und andere Bürger wird in Betrieben, auf Baustellen und über Funk der Erfurter Verkehrsbetriebe dazu aufgerufen die Bezirksbehörde zu umstellen und zu bewachen.

Es wurde kurzerhand beschlossen, jedes Auto anzuhalten, welches die Ausfahrt zur Bezirksbehörde passieren wollte, deren Kofferräume sollten kontrolliert werden. LKWs wurde die Zufahrt generell verweigert, was auch gar nicht mehr möglich war, weil ein quer stehendes Fahrzeug der Verkehrsbetriebe die Straße blockierte.

Die vor dem Gebäude ausharrenden Bürger machten zunehmend ihrem Unmut mit Sprechchören Luft und riefen:

„Wir wollen rein“ und „Aufmachen!“

Vor den drei Eingängen der BV hatten sich nach Angaben des MfS etwa 500 Bürger versammelt[22].

2.8    Montag gegen 9.00Uhr

Babara Sengewald, Angelika Schön und Manfred Ruge fahren nach Beratung mit anderen Frauen, die sich vor der Bezirksverwaltung des MfS/AfNS eingefunden hatten, zur Bezirksstaatsanwaltschaft. Auch ihr Anliegen war die Erwirkung einer Verfügung zur sofortigen Einstellung der Vernichtung von Akten und der Einstellung Arbeit der Bezirksverwaltung des MfS/AfNS. Sie wurden Zeugen von mehreren Telefongesprächen zwischen dem Bezirksstaatsanwalt, der Bezirksverwaltung des MfS/AfNS und dem Rat des Bezirkes.

Der Bezirksstaatsanwalt Sander erklärte nach langem Hinhalten, dass er für die verlangten Regelungen nicht zuständig sei und dass das in Verantwortung der Militärstaatsanwaltschaft läge.

Auf drängende Fragen der Frauen wurde ihnen mitgeteilt, dass der Militärstaatsanwalt nach erfolgten Abstimmungen informiert sei und sich bereits auf dem Weg zur Bezirksverwaltung des MfS/AfNS befände. Daraufhin begeben sich Babara Sengewald und Angelika Schön wieder zur Andreasstraße zurück.

Gabi Stötzer hatte sich nach dem Gespräch im Rathaus ihrer Erinnerung nach gegen 9 Uhr ebenfalls zur Staatsanwaltschaft begeben, um zu erreichen, dass sich Staatsanwälte gemäß ihrer Dienstobliegenheiten einsetzen, die Aktenvernichtung zu unterbinden.[23]

2.9    Montag gegen 10.00Uhr

Nachdem sich der Leiter der Bezirksverwaltung Generalmajor Josef Schwarz telefonisch mit dem Bezirksstaatsanwalt über weitere Maßnahmen abgestimmt und der Bezirksstaatsanwalt angeordnet hatte, die Waffen einzusammeln, sie in der Waffenkammer unter Verschluss zu halten und den Bürgern Zutritt zu gewähren, wurde eine Delegation von 10 Bürgerinnen und Bürgern[24] vorgelassen und in das Konferenzzimmer der Bezirksverwaltung geführt[25], an dessen Stirnwand die Inschrift

”Ruhm den Tschekisten!”

prangte. Das erfolgte etwa 10 Uhr.

Nach kurzer Abstimmung unter den Vorgelassenen wurde Frau Falcke als Sprecherin der Gruppe benannt. In dem Konferenzraum stellten sich der Leiter der Bezirksverwaltung Generalmajor Josef Schwarz und sein erster Stellvertreter sowie weitere Mitarbeiter des MfS/AfNS dem Gespräch. Zugegen waren der Militärstaatsanwalt Weißmantel, die Staatsanwälte Ilgen und Rudat und der später erschienene Stellvertreter des Vorsitzenden des Rates des Bezirkes und Verantwortlicher für Inneres, Heinz Hartmann.

2.10  Montag gegen 11.00 Uhr und 11.30

Kerstin Schön und Tely Büchner fahren von ihrem Gespräch im Rat des Bezirkes zuerst zur Kreisdienststelle. Dort treffen sie auf Ulrich Scheidt, Biologe im Naturkundemuseum. Er war durch einen Anruf aus der Wissenschaftlichen Allgemeinbibliothek über die Besetzung informiert worden und befand sich zur gleichen Zeit mit seinen Kollegen dort. Nach kurzer Diskussion[26] fahren sie zusammen zur Bezirksverwaltung des MfS/AfNS in die Andreasstraße zurück. Nachdem sie vom Einlass der Gruppe unter Führung von Frau Falcke erfahren hatten, begaben sie sich, weil ihnen der Zugang zum Haupteingang verwehrt wurde, zum Eingang für Fahrzeuge (heute Bechtheimer Straße), ignorierten die Zutrittsverweigerungen des bewaffneten Postens betraten den Gebäudekomplex gegen 11.00 oder 11.30 Uhr und riefen den dort Wartenden zu, mitzukommen.[27]

Im Fernschreiben vom Leiter der BV Erfurt Schwarz an den Leiter des AfNS Schwanitz heißt es:

„Während dieses Gesprächs im Konferenzzimmer des Leiters des Amtes [28] ver­schafften sich weitere Personen unter der Führung einer Frau Dr. Schön, Kerstin, die sich als Sprecherin eines unabhängigen Untersuchungsausschusses ausgab, gewaltsam Zugang zum Bezirksamt und begaben sich ebenfalls in das Konferenzzimmer“.

Das hatte zur Folge, dass sofort noch mehr Bürger in das Gebäude eindrangen.

Auch Angelika Schön und Barbara Sengewald trafen zu dieser Zeit vom Staatsanwalt kommend wieder an der BV ein und forderten am Haupteingang Einlass. Nun wurde die Haupteingangstür in der Andreasstraße geöffnet, so dass auch noch die dort wartenden Bürgerinnen und Bürger hineinkommen konnten. [29]

2.11  Die Verhandlungen im Konferenzzimmer der BV

Im Konferenzzimmer der Bezirksverwaltung wurde von der Sprecherin der Delegation, Frau Falcke folgende Forderungen vorgetragen:

·                Sofortige Beendigung der Arbeit dieser Behörde,

·                Sofortiger Stopp der Aktenverbrennung,

·                Vorlage eines Gebäudeplanes zur Kontrolle aller Räume,

·                Zugang zum Computer,

·                Aussagen darüber, was mit den vorhandenen Unterlagen geschieht,

·                Versiegelung der Archive, bis der Staatsanwalt eine ordnungsgemäße Untersuchung beginnt.

Die Entgegnung des Leiters der Bezirksverwaltung auf die Forderungen war reichlich primitiv und auf Verdummung und auf Desinformation der Delegation angelegt, eine langjährig praktizierte Taktik der Stasi.

Frau Falcke beschreibt die Verhandlung mit Generalmajor Schwarz wie folgt:

”Dr. Schwarz begrüßte uns: ‚Ja, was wollen Sie hier, was machen Sie hier? Sie behindern meine, unsere Behörde an der Arbeit’. Und da haben wir gesagt: ‚Ja, das wollen wir auch, dass die Arbeit eingestellt wird und deshalb haben wir auch die Staatsanwaltschaft hergebeten. Wir verlangen sofort Einsicht in alle Räume, die das Gebäude hat. Damit wir auch sicher sind, dass es alle Räume sind, verlangen wir einen Plan von diesem Gebäude. Und wir verlangen Zugang zum Computer.’ Daraufhin Dr. Schwarz: ‚Wir tun hier niemand Unrecht. Sie haben keine Berechtigung, das hier zu machen. Wir handeln nur nach den Gesetzen der DDR.’

Da habe ich gesagt: ‚Ja, eben diese Gesetze wollen wir ändern. Und deshalb machen wir dies. Und hier unter uns sind auch Leute, die sehr unter Ihrer Behörde gelitten haben. Wir wollen, dass die Arbeit hier aufhört’. Und dann habe ich noch einmal die Forderungen genannt. Und da sagte er: ‚Also, einen Plan des Hauses habe ich selber nicht. Ich weiß selber nicht wie viel Räume hier sind’. Und dann: ‚Und einen Computer gibt es nicht. Wissen sie Genosse Mielke ist ein alter Mann, der ist nicht für so moderne Sachen, wie einen Computer’." [30]

Die zwischenzeitlich eingetroffenen Staatsanwälte Helmut Rudat und Richard Illgen erklärten sich ebenfalls nicht zuständig für die Klärung der Anliegen der „Besetzer“. Daraufhin wurde der Militärstaatsanwalt des Bezirksgrenzkommandos Weißmantel und der Militärstaatsanwalt der 4. Mot –Schützen- Division Lippol aufgefordert in die BV des MfS/AfNS zu kommen.

Es wurde eine Begehung der Bezirksverwaltung vereinbart.

Während über Verfahrensfragen, Möglichkeiten und Zuständigkeiten gesprochen wurde, hatten sich draußen immer mehr Menschen angesammelt. Mehrere Bürger bekundeten spontan ihre Solidarität mit den Besetzern, indem sie heißen Kaffee und Tee brachten.

Generalmajor Schwarz erhielt plötzlich eine kurze Information durch einen Mitarbeiter und sagte dann zu den Delegierten: "Hier stürmt jetzt eine Gruppe von 200 Leuten das Gelände"!

Der Protest von Generalmajor Schwarz gegenüber der Sprecherin der 10er Gruppe, Frau Falcke, konnte daran nichts mehr ändern.

Ebenso war das Angebot des Buchhändlers Peterknecht gegenüber Generalmajor Schwarz, er wolle mit den Stürmenden zu sprechen, vom Ansatz her sinnlos, denn die in die Bezirksverwaltung eindringenden Erfurter waren nicht mehr aufzuhalten.

Vom Leiter der Bezirksverwaltung wurden die Verhandlungen abrupt abgebrochen. Er wollte die "Ordnung und Arbeitsfähigkeit seiner ‚Einrichtung‘ wieder herstellen." Doch er hatte seine Befehlsgewalt verloren und musste zulassen, dass sich "seine" Erfurter in seinem geheimen Reich“ gründlich umsehen. In dem Fernschreiben des Erfurter MfS/AfNS - Bezirksamtes an die Berliner Zentrale über die „Gewaltsame Erzwingung des Zutritts Oppositioneller Kräfte zum Bezirksamt“ wird am Schluss festgestellt:
„Durch die Besetzung der Ein- und Ausgänge des Dienstobjektes ist das Bezirksamt handlungsunfähig.“[31]

2.12   500 Bürger in der Bezirksverwaltung

Mehr als 500 Bürger inspizierten nun in Gruppen zusammen mit Mitarbeitern der Bezirksbehörde den Gebäudekomplex. Diese Kontrollgänge ähnelten jedoch mehr einem Versteckspiel, als einer ehrlichen Aufdeckung.

Von Seiten des Leiters der BV wurde die Besichtigung folgender Räumlichkeiten angewiesen:

  • Datenendstelle der Auswertungs– und Kontrollgruppe (AKG)
  • Archiv der Abteilung XII
  • die Verkollerungsanlage
  • das Objekt der Abteilung VIII (außerhalb der BV befindlich)
  • der Zugang zur Zentralen Personendatenbank (ZPDB) wurde von den Mitarbeitern der BV verhindert

Im Heizungskeller fanden die Bürger die Ursache der beobachteten Rauchentwicklung. Bei der Gasheizung befand sich eine zusätzliche Brennstelle, die als Verbrennungsofen benutzt wurde. Reihen von Mülltonnen und Säcke voller schwarzer, unvollständig verbrannter Papiere, Aktendullis, leere Aktenordner auf deren Rücken noch deren Inhalt nachlesbar war, zerrissene Papiere, die nicht schnell genug verbrannt werden konnten, wurden aufgefunden.

Weitere Hinweise auf die Vernichtung von Unterlagen wurden in dem später geöffneten Raum für Papierzerkleinerung/ Verkollerungsanlage entdeckt. Auf diese Tatbestände hin befragt, erklärte Generalmajor Schwarz, dass der Umfang, der in der letzten Zeit beseitigten Akten, in Durchführung der angeordneten „normalen“ Anweisungen gehöre[32]. Zusätzlich seien nur Dossiers über Andersdenkende vernichtet worden. Mit dem Inhalt der Weisung aus der Zentrale in Berlin hat Schwarz gegenüber den Besetzern der Bezirksverwaltung hinter dem Berg gehalten.

Ebenso wurde der Computerraum, den es nach Aussage von J. Schwarz nicht gab, gefunden. Der Computertechnik galt die besondere Aufmerksamkeit, um der Löschung von Disketten und anderen Speichermaterialien vorzubeugen. ”Datendienststelle” lautete der nur für einen kleinen Personenkreis zugängliche Raum, in dem Verbindung zu dem zentralen Berliner Speicher bestand.

Als sachkundige Bürger eine Testanfrage nach Berlin starteten, um zu erkunden, wie das System funktioniert, kam die lapidare Antwort:

"Erfurt bekommt keine Auskunft mehr!"

Da die ohne Plan und Kenntnis der Örtlichkeiten ablaufende Besichtigung und Durchsuchung des Gebäudes spontan und laienhaft erfolgte, war es Ulrich Scheidt zu verdanken, dass er auf die Idee kam die Computerzentrale zu sichern und zu bewachen. Diese Aktivität kann man als „Geburtsmoment“ der Bürgerwache bezeichnen[33]. Die Bürgerwache war in den folgenden Wochen an mehreren Stellen eingesetzt.

Wenig später wurden, zusätzlich zur Bewachung, dieser Raum und das zentrale Archiv, das "Herzstück“ der Behörde, durch den Militärstaatsanwalt Weißmantel auf Verlangen der BürgerInnen versiegelt.

Im Verlauf der Begehung wurde immer wieder deutlich, dass man bewusst die kontrollierenden Bürger hinterging. An der einen Stelle fehlten angeblich Schlüssel, an der anderer Stelle war kein Lageplan vorhanden.

Die Schlussfolgerung aus der Bürgerkontrolle konnte nur sein: Versiegelung der Archive, eine Bürgerwache und Bildung einer unabhängigen Kontrollgruppe.

Diese bestand aus 10 Mitgliedern der Bürgerbewegung und engagierten Erfurter Bürgern. Vorrangige Aufgabe dieser Kontrollgruppe war die Sicherung von Beweismaterial in Zusammenarbeit mit der Militärstaatsanwaltschaft.

Während dieses und des nächsten Tages kamen weitere aktive der Bürgerbewegung und vom „Neuen Forum“ und „Demokratischen Aufbruch“ hinzu und beteiligten sich an der Organisation,u.a. Matthias Büchner, Elmon Grobe (damals Karran), Holger Eisenberg, Dieter Klipphan, Dieter Seidel, Ilona Kühne, Christian Petzold, Dietmar Ritter, Klaus Vockerodt.

2.13  Die Besetzung der Kreisdienststelle des MfS

Nach zähen, mehrere Stunden andauernden Verhandlungen mit dem Leiter der Kreisdiensstelle Oberst Schneeberg und einem Telefongespräch mit dem Vorsitzen­den des Rates des Bezirkes, von einem Nachbarbetrieb aus, wurde zunächst eine 3-köpfige Delegation mit Claudia Bogenhardt und Mathias Ladstätter in die Räume der Kreisdienststelle und in das Gebäude der Abteilung VIII eingelassen. Nach der Kontrolle wurden die Räume durch Mitarbeiter der städtischen Museen versiegelt.

Da die kontrollierenden Bürger keine bedeutenden Akten finden konnten, gingen sie davon aus, dass wichtige Unterlagen bereits in die Bezirksverwaltung umgelagert waren. Folglich verzichtete man in der Kreisdienststelle auf die Aufstellung einer Bürgerwache. Die angebrachten Siegel wurden gegen 23 Uhr auf Unversehrtheit überprüft.

Tage vorher waren Aktenbestände aus der Kreisdienststelle Erfurt so wie auch aus anderen den Kreisdienststellen in die Bezirksverwaltung gebracht worden[34].

2.14  Montag 16.30Uhr

Der Leiter der BV des MfS/AfNS Generalmajor Schwarz hatte seinen Vorgesetzten GLtn. Schwanitz, Berlin mit der

"Information über die gewaltsame Erzwingung des Zutritts oppositioneller Kräfte zum Bezirksamt  für Nationale Sicherheit Erfurt"

über die Besetzung in Kenntnis gesetzt. [35]

Bereits am 4.12.1989 gegen 16.30 Uhr erging durch Generalleutnant Schwanitz ein Fernschreiben an alle Leiter der Kreis- und Bezirksämter für Nationale Sicherheit mit folgendem Text:

”Am heutigen Tag drang eine große Menschenmenge gewaltsam in das Bezirksamt Erfurt ein. Weitere Objekte sind bedroht. Die Situation ist noch nicht bereinigt. Aus diesem Anlass wird angewiesen, sofort alle möglichen zusätzlichen Maßnahmen einzuleiten, um die Objektsicherung zu verstärken und kurzfristig zusätzliche Sperrmaßnahmen durchzusetzen. Der Zutritt unberechtigter Personen ist unbedingt zu verhindern. Es sind alle zur Verfügung stehenden Mittel, Löscheinrichtungen und übergebene spezielle Mittel - außer gezielter Schusswaffenanwendung - zum Einsatz zu bringen. Alle verfügbaren Kräfte sind auf diese Situation einzustellen und entsprechend zu orientieren, um die vorgenannte Aufgabe voll durchzusetzen. Mit der Volkspolizei sind weitere Abstimmungen zum Einsatz zusätzlicher Kräfte herbeizuführen.”

AfNS; Leiter

Schwanitz    Generalleutnant [36]

2.15   Montag ab 18.00Uhr

Am Abend des 4.12. begab sich eine Gruppe von Bürgern zum Flughafen Erfurt-Bindersleben, um den vermuteten Abtransport von Akten ins Ausland zu verhindern, weil es Informationen gab, dass bereits ein Flugzeug mit Akten nach Rumänien gestartet sei.

In einem kleinen Kreis von Aktiven wurde noch am 4.12. eine Versammlung von Bürgern einberufen mit dem Ziel, sich im Rathaus über das weitere Vorgehen zu beraten.

Am späten Nachmittag versammelte sich eine kleine Gruppe von aktiven Bürgern um das weitere Vorgehen zu beraten. Der Versuch, sich im Rathaus zu versammeln, scheiterte trotz Verhandlung und Intervention von Propst Dr. Falcke mit dem OB der Stadt.

Vom Oberbürgermeister wurde aber ein Raum in der Wohnungstauschzentrale mit einem Telefonanschluß zur Verfügung gestellt, in dem ab sofort das Bürgerbüro arbeitete. Ob zu diesem Zeitpunkt bereits die Bezeichnung ”Bürgerkomitee” in Rede stand, ist nicht mehr exakt nachvollziehbar.

Durch Mund-zu-Mund Propaganda kamen in den Abendstunden des 4.12. in der evangelischen Stadtmission (im Johannes-Lang-Haus) etwa 100 Leute zusammen. Die Versammelten beschlossen, am 5.12. ein "Komitee zur Auflösung des Geheimdienstes MfS/AfNS zu gründen. Gleichzeitig wurde ein Flugblatt erarbeitet, unterzeichnet von "Bürgerinitiative des Kontrollausschusses", noch in der Nacht gedruckt und am Morgen verteilt.

3      Die nächsten Tage

Dienstag, 5. Dezember 1989

Am 5.12.1989 richtete sich die Unabhängige Kommission zur Untersuchung des MfS/AfNS - das Bürgerkomitee hatte sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht konstituiert - an alle Bürger der Stadt Erfurt.

Am 5.12.1989 wurde vom Amt für Nationale Sicherheit ein als ”streng geheim” gekennzeichneter Bericht Nr. 519/89 an die DDR Staatsführung und Führung des AfNS herausgegeben, unter dem Titel:

”Information über das Erzwingen des Zutritts von Kräften der Bürgerbewegungen zu den Dienstobjekten von Bezirks- und Kreisämtern des AfNS am 4. Dezember 1989”

In dieser Information wurde detailliert der Ablauf der Besetzung vom 4.12. in Erfurt geschildert. [37]

Am Nachmittag fand die konstituierende Sitzung des Bürgerkomitees zur Auflösung der Staatssicherheit im Rathaus statt, der Bürgerrat als Leitungsgremium wurde gebildet.

Mittwoch 6. Dezember 1989

Auch nach der Besetzung versuchte das AfNS, Akten weiter geheim zu halten.

In einem am 6.12.1989, 22.20 Uhr bei der Bezirksverwaltung des AfNS eingegangenen Fernschreiben (cfs 44) von Generalleutnant.Schwanitz wurde angeordnet,

  • welche Unterlagen von Bürgerrechtsbewegungen und autorisierten Kontrollgruppen eingesehen werden dürfen. Es ist in eigener Zuständigkeit zu entscheiden, zu  welchen der genannten Dokumente und Unterlagen Einsicht zu gewähren ist und welche Räumlichkeiten betreten werden dürfen.
  •  welche geheime Dokumenten und Materialien gehören, zu denen in jedem Fall die Einsichtnahme zu verhindern und zu verweigern ist,:

-  IM/GMS-Unterlagen, einschließlich IM/GMS-Nachweise,

-  Dokumente zur Organisierung der Aufklärung und Spionageabwehr und zur Arbeit im und nach dem Operationsgebiet (Bundesrepublik),

-  Grundlagendokumente (u.a. zum Befehl Nr.11/79)

-  OV, OPK u. a. Materialien, aus denen konkrete Schlussfolgerungen zu IM's möglich sind. [38]

Aber das bereits aktive Bürgerkomitee hatte andere Ziele: Die Akten sollten offengelegt werden, um die Arbeit des Geheimdienstes ein für alle Mal zu beenden und Rehabilitierung zu ermöglichen. Es begann das Ringen um die Offenlegung. Das Bürgerkomitee wurde dabei immer wieder behindert und oft an der Nase herum geführt. Aber letztlich konnte das alles nicht verhindern, dass das „Stasi-Unterlagen-Gesetz“ beschlossen wurde und so heute die Einsichtnahme in diese Akten für alle gesetzlich geregelt ist. Es war ein langer Weg bis dahin, der in der Broschüre „Die Geschichte des Bürgerkomitees in Erfurt  Teil I dargestellt ist.

4      Zusammenfassung

Unter den vielen politisch bewussten Bürgern, die aufmerksam die Entwicklung während des Herbstes beobachteten, die aktiv für Veränderungen in der DDR eintraten und sich dafür aktiv engagierten, gab es immer wieder ganz aktive und mutige Menschen, die durch ihren persönlichen Einsatz entscheidendes bewirkten.

Das ist am außerordentlichen Beispiel einer erstmaligen Besetzung einer Bezirksverwaltung einer Verwaltung der Staatssicherheit in der DDR besonders hervorzuheben.

Wie die Quellenlage ergibt wäre die Besetzung nicht so abgelaufen, wenn nicht

·         am Morgen des 4.Dezember Kerstin Schön und Sabine Fabian die Initiative ergriffen hätten Gabi Stötzer, Tely Büchner, Claudia Bogenhardt und viele andere für ihr Vorhaben zu mobilisieren

·         Angelika Schön unabhängig von der anderen Gruppe ebenfalls die Inititative ergriffen und viele Menschen mobilisiert hätte

·         Kerstin Schön, Sabine Fabian, Verena Kyselka und Elisabeth Kaufhold durch ihre Besuche und Telefonaktionen viele in Kenntnis gesetzt hätten

·         aus der Idee der Gewährleistung von Legalität und/oder „Rechtmäßigkeit“ offizielle Stellen der Stadt und des Bezirkes wie Rat der Stadt Erfurt, Rat des Bezirkes Erfurt durch Kerstin Schön, Gabi Stötzer, Tely Büchner und Claudia Bogenhardt sowie Manfred Ruge einerseits und andererseits die Bezirksstaatsanwaltschaft von Barbara Sengewald, Angelika Schön aufgesucht und um Kooperation ersucht worden wären.

·         kurzfristig sich eine immer größere und wachsende Menschenmenge vor der Bezirksverwaltung und der Kreisdienststelle des MfS/AfNS eingefunden hätte

·         durch den Druck der vor den Toren Versammelten, eine Gruppe von 10 Personen in das Gebäude der Bezirksverwaltung eingelassen wurde.

Besonderer Erwähnung bedürfen die Initiative, das Engagement, der Mut der „Gruppe der 10“ unter der spontan erklärten Bereitschaft von Frau Falcke, die Leitung und Gesprächsführung gegenüber den leitenden Offizieren zu übernehmen. Damit wurde die eigentliche Besetzung ausgelöst.

·         durch Ulrich Scheidt mit der „Bürgerwache“ und durch die Versiegelungen das MfS/AfNS daran gehindert worden wäre, wieder zu ihren „normalen“ Arbeitsabläufen zurückzukehren.

·         mit der Krise der SED auch die Staatssicherheit in die Krise geraten wäre. Verstand sich das MfS/AfNS aus seiner Funktion als Herrschaftsinstrument der SED – „Schwert und Schild der Partei“ –und war mit dem Ende dieser Partei und durch den Druck des Volkes in seiner Macht erheblich eingeschränkt. Dazu kam Verlust der Motivation in den Reihen der eigenen Mitarbeiter.

Die am 4.12.1989 begonnene und durchgesetzte Besetzung war eine spontane, Aktion[39], die von mutigen Frauen eingeleitet wurde und nur durch die Beteiligung vieler erfolgreich sein konnte[40].


 


[1] Imes Import-Export GmbH war eine Firma des DDR-Außenhandelsministeriums und unterstand dem Bereich Kommerzielle Koordinierung (KoKo). Zielsetzung der Firmentätigkeit war die Devisen­beschaffung durch Exportgeschäfte. Insbesondere der Waffenhandel und die Vermittlung und Durch­führung von internationalen Handelsgeschäften prägten das Geschäftsfeld der Firma, die eng mit dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR zusammenarbeitete. Die Geschäftspartner der IMES GmbH wurden durch die Hauptverwaltung Aufklärung des MfS geprüft. Waffengeschäfte wurden vor allem mit Iran, Irak, Libyen, Argentinien, Brasilien, Peru, Ägypten, Äthiopien, Botswana und Uganda getätigt. Auch die Palästinensische Befreiungsorganisation war steter Geschäftspartner. Die IMES geriet in den Blickpunkt der Öffentlichkeit, als aufgebrachte Bürger am 2. Dezember 1989 in Kavelstorf bei Rostock ein streng geheimes Waffenlager enttarnten. Das dortige Hauptlager lag strategisch gut in der Nähe des Rostocker Überseehafens und ermöglichte logistisch einfach die Verschiffung der Güter.

[2] Am Abend des 2.Dezember 1989 hatten sich tausende Mitglieder der SED- Basis vor dem Gebäude des ZK versammelt und forderten die radikale Erneuerung der Partei und den Rücktritt des Politbüros.

[3] Am 21.09.1989 wird dem Ministerium für Innere Angelegenheiten der Zulassungsantrag des NF vorgelegt und abgelehnt. Am 8.11.1989 erfolgt die Zulassung des Neuen Forums.

[4] Siehe Zeitschrift ”Horch und Guck” 8.Jahrgang 1999 Heft 28 Seite 49-Flugblatt des Neuen Forums vom 03.12.1989

[5] Siehe Zeitschrift ”Horch und Guck” 8.Jahrgang 1999 Heft 28 Seite 51

[6] Beide waren Mitglieder in der Frauengruppe „Frauen für Veränderungen“, die aus den untereinander gut vernetzten Frauengruppen hervorgegangen war.

[7] Nach durchgeführter Recherche gab es am Abend des 3.12. in Berlin keine Blockade der Diensteinheiten des MfS, auch keine sonstige Aktionen. Auf Nachfrage bestätigten dies Tom Sello und Tina Krone von der Robert- Havemann-Gesellschaft Berlin, Reinhard Schult, Neues Forum Berlin und Dr. Jens Schöne, LStU Berlin. Aber auch das am Morgen des 4.12. um 6.15 im Berliner Rundfunk gesendete Interview mit dem AfNS-Mitarbeiter Frank Lontscher, in dem er von Aktenvernichtungen berichtet, wird von ihr nicht erwähnt. Möglicherweise liegt eine Verwechslung mit der am Wochenende stattgefundenen Menschenkette vor.

[8] Kerstin Schön: „An dem Abend, bevor wir gemeinsam mit vielen Menschen in  Erfurt die Stasizentrale besetzt haben, waren wir zu zweit, zwei Frauen, die im Fernsehen über einen Westsender gesehen haben, was in Berlin geschehen ist und die das dringende Gefühl hatten, das irgendetwas geschehen müsste hier bei uns in Erfurt. Wir hatten also praktisch über die letzten Tage beobachtet, was in Berlin so passiert war mit der Bürgerwache vor der Staatssicherheit und dann war irgendwann im Fernsehen zu sehen, wie trotz dieser Bürgerwache diese Akten verbrannt worden waren.“ – Interview von Gabi Stötzer 2010. In einem jüngeren Bericht erzählt Kerstin Schön: Wir „sahen am Abend des 03.10.1989 im Westfernsehen, wie in der Berliner Stasizentrale sehr wahrscheinlich Akten verbrannt wurden (die Schornsteine rauchten schwarz) obwohl die Eingänge des Gebäudes von Berliner BürgerInnen blockiert wurden.“

[9] Kerstin Schön, Sabine Fabian, Gabi Stötzer (damals Kachold) waren wie viele andere Aktive Frauen in der Opposition Mitglieder der Bürgerinneninitiative „ Frauen für Veränderung“.  

[10] Neben dem Interview mit Angelika Schön in Teil Zeitzeugen wird ihre Initiative von mehreren ehemaligen Predigerschülern und Dozenten bestätigt, u.a. von Dr. Uli Kilian.

[11]„Und dann am Morgen des 04. Dezember, hat es bei mir an der Haustür geklingelt und da stand Kerstin Schön vor der Tür und wollte eigentlich Matthias Büchner, also meinen damaligen Mann sprechen. Mein Mann kam in der Nacht aus Berlin und ist erst früh gegen 04.00 Uhr oder 05.00 Uhr zurückgekommen und deshalb hatten wir auch noch überhaupt keine Zeit gehabt darüber zu sprechen, was nun in Berlin konkret rausgekommen ist. Es war auch nicht möglich, ihn zu wecken, und deswegen haben wir gedacht, wir setzen uns jetzt erst mal zusammen und sprechen darüber, was wir jetzt machen und wie wir die Aktenvernichtung verhindern können. Kerstin Schön hat dann zu mir gesagt, dass es jetzt an der Zeit sei, das Ganze zu initiieren und in einer Art Lauffeuer oder Schneeballprinzip flächendeckend in Erfurt in Gang zu setzen.“ (Interview mit Tely Büchner in Geschichte des Bürgerkomitees Erfurt, Teil I Seite 174 unten).

[12] Entgegen der Darstellung in jüngeren Erinnerungen von Kerstin Schön bestätigt Probst Heino Falcke in Übereinstimmung mit allen Berichten von Almuth Falcke, dass sie während des Frühstücks zwischen 7.30 und 8.00 Uhr angerufen und nicht persönlich von Kerstin Schön informiert wurden. Offensichtlich wurden Falckes sowohl von der Sekretärin des DA als auch von Kerstin Schön informiert. Wer dabei die Formulierung "die Stasi raucht schwarz" verwendet, die Almuth Falcke in einem Interview, veröffentlicht in „Brücke“, der Erfurter Straßenzeitung Nr. 26 1999 zitiert, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. 

[12-1]  Ein Problem für die neuen Vereinigungen war, eine Ansprechstelle mit Telefon zu finden, da ja nur sehr wenige Privathaushalte über Telefon verfügten.

[12-2]  Die Aussage wird bestätigt durch einen Diskussionsbeitrag im Protokoll der Beratung des Bürgerkomitees vom 5.12.1989 15:00 Uhr (ohne Namenangabe) in dem es heißt: „Die Mülldeponie wird in letzter Zeit häufig von dem LKW LZ 67-26 angefahren, Fahrzeug des MfS, verbrannte Reste, Metallteile von größeren Mengen Ordner. Protokoll des Bürgerkomitees Erfurt vom 5.12.1989, im Archiv der GfZ.

[12-3]   Almuth Falcke arbeitet als Sekretärin für ihren Mann, Propst Heino Falcke und ist in den Frauengruppen „Freuen für Veränderung“ aktiv. Sie ist 2002 verstorben. Als Propst ist Falcke für mehrere Evangelische Kirchenkreise zuständig. Er ist aber einer der profiliertesten Kritiker der DDR. Als Theologe ist er in vielen internationalen Zusammenhängen der Ökumenischen Bewegung eingebunden.

[12-4]  Erzählung von Frau Hase am 30.10.2014, als Beitrag zum Vortrag von Dr. A. Rothe „Erfurt vor 25 Jahren. Die Kirchen in der Friedlichen Revolution“

[12-5]  Erzählung von Dietrich Ehrenwerth im Oktober 2013, Notizen zu Erzählungen verschiedener Personen zum Zeitablauf am Morgen des 4. 12. 1989, Archiv GfZ  

[13] Nach nochmaliger Nachfrage haben Sigrid und Johannes Staemmler eindeutig bestätigt, dass sie an diesem Morgen von Kerstin Schön persönlich benachrichtigt wurden.

[14] Auch er bestätigt die persönliche Information, da er damals keinen Telefonanschluss hatte, konnte es auch nicht anders gewesen sein.

[15] Andreas Dornheim: Politischer Umbruch in Erfurt 1989/90 Seite 12 Redebeitrag von M.Ruge am16.01.2014 in der Gedenkstätte Andreasstraße

[16] Almuth Falcke, Verena Kyselka, Elisabeth Kaufhold, Barbara Sengewald waren ebenfalls Mitglied der „Frauen für Veränderung“)

[17] Vielfach gibt es unterschiedliche Erinnerungen, was für ein Fahrzeug es genau war. Auch in den MfS-Unterlagen gibt es falsche Angaben dazu. Die Fotos belegen aber, dass es eines der Verkehrsbetriebe war.

[18] Es handelt sich dabei um die turnusmäßig wöchentlich stattfindende Sitzung der damaligen Stadträte, heute zu vergleichen mit den Dezernenten, nicht aber um eine Sitzung der Abgeordneten.

[19] ...”um zu verhindern, dass mit den vielen Daten, die über so viele Bürger gesammelt wurden, weiterhin Missbrauch getrieben wird und auch, um Verschleierungen von Amtsmissbrauch bis hin zu Verbrechen zu unterbinden"..., sagt noch am 4.12,1989 Kerstin Schön der Redakteurin der SED-Tageszeitung DAS VOLK, Eva-Maria Rahneberg

[20] Gespräch mit dem früheren OB Hirschfeld im Dezember 2013

[21] Der eigentlich zuständige Stadtrat Beuthe, inoffiziell zugleich „Offizier des MfS im besonderem Einsatz“, war schon lange Zeit krank.

[22] Fernschreiben von GMaj.Schwarz an GLtn. Schwanitz cfs 05, luft „Information über die gewaltsame Erzwingung des Zutritts oppositioneller Kräfte zum Bezirksamt für nationale Sicherheit Erfurt“ (Unterlagen des Archivs der BStU)

[23] Ein Zusammentreffen, von Gabi Stötzer, die allein zum gleichen Zeitpunkt in der Staatsanwaltschaft anwesend war, mit Barbara Sengewald und Angelika Schön ist nicht erfolgt. Möglicherweise ist sie beim Kreisstaatsanwalt gewesen, dessen Dienstsitz sie aufgrund ihrer Verurteilung wegen der Proteste gegen die Biermann-Ausweisung kannte.

[24] U.a. Almuth Falcke, Sekretärin der Propstei und Mitglied der Frauen für Veränderung, Johannes Staemmler, damals Studendenpfarrer, Hartmut Lippold, Rektor der Evangelischen Predigerschule, Michael Meinung, CDU-Mitglied und Redakteur beim Thüringer Tageblatt,, Jörg Kallenbach, CDU-Mitglied und in der Umweltgruppe der „OASE“, Buchhändler Peterknecht; die anderen Namen sind noch nicht bekannt.

[25] Bereits in einer Dienstanweisung vom 31.10.1989 hatte Erich Mielke zum Umgang mit Demonstranten empfohlen: »Wenn sie die Absicht haben, mit uns zu sprechen, sind wir gesprächsbereit. Bilden Sie eine Abordnung von (3-5) Personen, mit denen ein Gespräch stattfinden kann. Für alle Fälle wurde in diesem Fernschreiben aber auch angewiesen, die Verteidigung der Dienstobjekte vorzubereiten.

[26] Wir standen vor dem Haus, kamen nicht rein. Diskussionen entspannten sich. Nicht weit von mir haben sich Kerstin Schön und Tely Büchner unterhalten, dass irgendwas in der Andreasstraße wäre und dass sie dorthin wollten. Da bin ich zu ihnen hingegangen und sie sagten, die eine ist Vertreterin für das „Neue Forum“ und die andere für „Frauen für Veränderung“. Ich erwiderte, dass ich mich als Grüner verstehe und ich möchte als Vertreter der Grünen an so einer Runde teilnehmen. Sie schauten mich beide bisschen verwundert und gerade Kerstin sehr distanziert an. Dann sagte sie ja, ist okay, komm mit… Es war später Vormittag. Zehn, Elf.“ (Interview mit Uli Scheidt in Die Geschichte des Bürgerkomitees Erfurt, Teil I, Seite 202)

[27] Fernschreiben von GMaj.Schwarz an GLtn. Schwanitz cfs 05, luft „Information über die gewaltsame Erzwingung des Zutritts oppositioneller Kräfte zum Bezirksamt für nationale Sicherheit Erfurt“ (Unterlagen des Archivs der BStU)

[28] gemeint ist das Gespräch der 10er Gruppe unter Leitung von Frau Falcke

[29]  Ullrich Scheidt beschreibt die Situation wie folgt:

„ Und dann gingen wir zum Haupteingang vor dem eine große Menschenmenge versammelt war. Kerstin, so resolut wie sie war, pochte an die Pforte. Da bewegte sich erst nichts und dann ging oben eine Klappe auf und sie sprach dann. Ich war zu weit weg und konnte das nicht im Detail hören. Ihr wurde wohl gesagt, ja gehen sie hinten rein. Wir wurden dann zum Nebeneingang gelotst. Ich ging mit den beiden mit. Wir kamen dann an diesen Nebeneingang, der nicht verschlossen war. Der Vordereingang war ja richtig zu. Da standen vielleicht 20-30 Leute maximal. Aber es war nicht verriegelt, nicht verrammelt. Es gab eine Schranke. Die Wachposten, die hatten - glaube ich - keine MP’s mehr. Man hatte natürlich Angst, aber das ist normal. Die wollten uns auch nicht durchlassen. Es war eine sehr aufgeladene Stimmung. Irgendjemand schrie: „Die verbrennen wieder“, als eine schwarze Rauchwolke aus einem Schornstein herauskam. Und aus dem emotionalen Affekt heraus haben wir Drei einfach die Barriere durchbrochen und sind reinmarschiert. Aus einem Abstand von 10-15 Metern drehten wir uns um und riefen den anderen zu: „Kommt nach!“. Die stürmten dann los… Wir sind daraufhin hoch, an die Tür, haben dort die Wachposten beiseite geschoben und das große Tor geöffnet.“ (Die Geschichte des Bürgerkomitees Erfurt, Teil I, Seite 202f)

[30] Andreas Dornheim Politscher Umbruch in Erfurt 1989/90 Seite 146

[31] Fernschreiben von GMaj.Schwarz an GLtn. Schwanitz cfs 05, luft „Information über die gewaltsame Erzwingung des Zutritts oppositioneller Kräfte zum Bezirksamt für nationale Sicherheit Erfurt“ (Unterlagen des Archivs der BStU)

[32] AfNS BA Erfurt der Leiter GVS 002-104/89 Erfurt, den 24.11.89 und Anlagen in Archiv d. BStU Erfurt

[33] Uli Scheidt berichtet: „Kurz darauf schrie jemand: „Los in den nächsten Raum!“. In dem Moment, wo alle losstürzten, das Nächste sehen wollten, da habe ich ganz laut gebrüllt: „Ihr bleibt hier“. Alle haben mich irritiert angeguckt. „Wir können nicht gehen und das einfach hier weiterlaufen lassen. Die Tür muss zugemacht werden und es muss sich jemand vor die Tür setzen. Klar keiner wollte bleiben, sondern alle mitgehen. Da habe ich mich weit aus dem Fenster gelehnt: „Ich garantiere die Ablösung“… die Leute haben dann allerdings Stunden gesessen!“ (Die Geschichte des Bürgerkomitees Erfurt, Teil I, Seite 202f)

[34] vergleiche die Anweisung von Mielke vom 6. 11.1989

[35] Fernschreiben cfs 05, luft in Unterlagen des Archivs der BStU Erfurt, siehe Anlage

[36] Fernschreiben cfs 17, luft vom 4.12.1989 des AfNS in Unterlagen des Archivs der BStU Erfurt

[37] ”Information über das Erzwingen des Zutritts von Kräften der Bürgerbewegungen zu den Dienstobjekten von Bezirks- und Kreisämtern des AfNS am 4. Dezember 1989”, Nr.519/89 in Unterlagen des Zentralarchivs der BStU Z 3815.

[38] Fernschreiben des AfNS vom 6.12.1989 in Unterlagen des Archivs d. BStU Erfurt

[39]Sowohl Gabi Stötzer in einem Artikel von 1999 als auch sie und Sabine Fabian, Kerstin Schön, Tely Büchner in ihrem gemeinsamen Interview 2009 beschreiben, wie nach und nach die nächsten Schritte beschlossen werden, Von einem Plan ist an keiner Stelle die Rede: „…wir mussten selbst in die Stasizentrale hinein und beschlossen darum jetzt, sofort, mit der Stasibesetzung zu beginnen. Wir wussten nicht genau wie“. Demnach war sich K. Schön mit den anderen einig, „die Leute aufzurufen, die Staatssicherheit zu stürmen“. Übereinstimmend berichten G. Stötzer, 2000 und K. Schön „Gabi hatte dann die Idee, Frauen aus anderen Frauengruppen mit einzubeziehen“.

Die seit 2013 verbreitete Aussage, dass ein Ablaufplan für die Besetzung und wie man vorgehen könnte bereits Abend des 3. Dezember entwickelt wurde, ist deshalb fragwürdig. Sicherlich stellt sich das subjektiv in der Erinnerung so dar. Das ist aber insofern nicht relevant, als diese Personen an der Initiative und den ersten Schritten beteiligt waren.

[40] Auch die seit dieser Zeit immer wieder zu lesende Aussage, dass „5 Frauen die Initiative ergriffen“ haben – oder sogar die Formulierung, dass „5 Frauen die Stasi besetzt haben“ ist so schlicht falsch. Es besteht kein Zweifel, dass die Gabi Stötzer, Sabine Fabian, Kerstin Schön, Tely Büchner und Claudia Bogenhardt ganz aktiv beteiligt waren. Zugleich waren aber weitere Personen wie Angelika Schön, Almuth Falcke, Elisabeth Kaufhold, Barbara Sengewald, Manfred Ruge und Ulrich Scheidt aktiv an der Besetzung beteiligt, Es macht daher keinen Sinn, zu einem bestimmten Zeitpunkt eine Gruppe von Initiatorinnen abschließend zu definieren.



2004 und 2010 hat die Gesellschaft für Zeitgeschichte die Broschüren „Die Geschichte des Bürgerkomitees in Erfurt Teil I und Teil II“ herausgegeben.

Inzwischen hat sich eine generelle Überarbeitung des Abschnittes Chronologischer Ablauf der Besetzung der Erfurter Bezirksverwaltung des MfS am 4. Dezember 1989 erforderlich gemacht,

  • weil aufgrund weiterer Interviews, Dokumente und Recherchen ein genaueres Bild der Abläufe am 4. Dezember 1989 gezeichnet werden kann,
  • um mit einer, nach nunmehr 25 Jahren, genaueren Rekonstruktion Legenden­bildungen zu vermeiden,
  • aber auch die Verdienste der Initiatorinnen und vieler beteiligter engagierter Bürger zu würdigen.

Sie ersetzt das Kapitel 1.3 „Der chronologische Ablauf der Ereignisse am 4. Dezember 1989“ in den beiden Broschüren.


Die beiden von uns herausgegebenen Broschüren zur Besetzung der "Stasi" und des weiteren Verlaufs der Arbeit des "Bürgerkomiees" und der nebenstehende Text können bei uns erworben werden. mehr dazu

Flugblatt des Neuen Forum vom 3. 12. 89 Dokument: Gesellschaft für Zeitgeschichte

Bürger vor dem Hintereingang des MfS (Foto A. Giesler)
Bürger im Haupteingang des MfS (Foto S. Fromm)
Bürger im Hof des MfS (Foto Archiv GfZ)
Im Gespräch mit dem Leiter der Bezirksverwaltung Generalmajor Schwarz, (in der Mitte): (hinten vlnr.): Rolf Tanz, unbekannt, Gabi Stötzer (Kachold), Barbara Sengewald (Weisshuhn), (vorn vlnr.): Tely (Petra) Büchner (unten), Kerstin Schön (Rakuna) (v. hinten), Arthur Wild (v. hinten), unbekannt, Johannes Staemmler, unbekannt. (Foto: S. Fromm)
Bürger vor dem Eingang der MfS-U-Haft (Foto Archiv GfZ)
Papierasche in der Heizung (Foto S. Fromm)
Auf dem Tisch zerissene Akten (Foto Archiv GfZ)
Uli Scheidt, der die Bürgerwache forderte (Foto Archiv GfZ)
Bürger mit leeren Aktenordnern (Foto Archiv GfZ)
Bürger bei der Kontrolle eines Fahrzeuges eines MfS-Mitarbeiters (Foto Archiv GfZ)
Staatsanwalt bei der Versiegelung von Aktenräumen, im Hintergrund "Leo" Gräser alias IMB Schubert (Foto S. Fromm)
Tely Büchner im Computerraum (Foto S. Fromm)
Ein Fahrzeug der Verkehrsbetriebe blockiert die Ausfahrt am Hintereingang (Foto A. Giesler)
(Foto Archiv GfZ)
(Foto Archiv GfZ)
Der Speise- und Versammlungssaal im MfS-Gebäude (Foto Archiv GfZ)
Zerrissene Akten (Foto Archiv GfZ)
(Foto Archiv GfZ)
Die Fotos wurden der Gesellschaft für Zeitgeschichte freundlicherweise von den Fotografen zur Verwendung überlassen. Jede weitere Nutzung und Verbreitung sowie die Vervielfältigung jeder Art bedarf der Zustimmung der Autoren.

Fernschreiben des Erfurter Stasi-Chefs an die Berliner Zentrale am 4. 12. 1989 (Um den Text vollständig zu lesen bitte auf das Bild klicken.)
Ausweis für die Mitglieder des Bürgerkomitees
Aufruf an alle Bürger vom 5.12.89
Aufruf vom 18.12.89