Eröffnung der Dauerausstellung in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße Erfurt „Haft – Diktatur – Revolution. Thüringen 1949–1989“

Rede von Barbara Sengewald (Vorsitzende der Gesellschaft für Zeitgeschichte e.V.)

(es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Damen und Herren,

Haft – Diktatur – Revolution – drei Worte, die für die zu eröffnende Ausstellung stehen. Drei Worte, die für eine Zeit stehen, die mich und viele von uns geprägt hat.

Um gleich Missverständnissen vorzubeugen: Ich war nicht hier oder anderswo inhaftiert. Und ich sage dazu „Gott sei Dank“ und meine es so. Aber wir kannten Menschen, die verurteilt und in einem politischen Gefängnis der DDR inhaftiert waren. Und wir wussten bei manchen Dingen, die wir gemacht haben, dass es zu Verurteilung und Haft führen könnte.

Die oberste Etage dieser ehemaligen U-Haft, die vom MfS benutzt wurde, steht für diesen Teil. In der Dauerausstellung im ersten Stock und in einem kleineren Teil der weitgehend erhaltenen Zellen wird dieser Teil der SED-Diktatur dargestellt. Denn Menschen, die nicht in solchen Verhältnissen aufgewachsen sind, muss erklärt und nachvollziehbar gemacht werden, was politische Haft bedeutete. Und was die politische Verfolgung und damit die Befürchtung und Androhung politischer Haft mit einer Gesellschaft macht.

Das geht nicht, indem versucht wird, die Erinnerungen und Gefühle derer, die es erleben mussten, in den Besuchern zu erzeugen. Die Distanz der Geschichte und damit die Distanz des Besuchers zur vergangenen Geschichte bleibt und sie  muss auch respektiert werden.

Es war nicht ganz einfach, zu diesem Konsens zu kommen. Nun ist die Ausstellung in diesem Sinne gestaltet, und wir hoffen, dass mit der pädagogischen Arbeit und dem Zusammenwirken mit Zeitzeugen hier dieser Teil der Geschichte eindrücklich, nicht aber überwältigend vermittelt werden kann.

Wir eröffnen die Dauerausstellung heute, am 4. Dezember. Vor nunmehr 24 Jahren hatten um diese Zeit erstmals nicht mehr die Gefängniswärter, Wachhabenden und Stasi-Offiziere hier das Sagen, sondern die Bürger der Stadt Erfurt. Denn bei der Besetzung der MfS-Bezirksverwaltung nebenan wurde auch die Stasietage der U-Haft mitbesetzt und später haben wir hier die Akten der Kreisdienststellen eingeschlossen.

Es waren am Anfang wenige, die sich in Basisgruppen – wie wir sie damals gesagt haben - als Bürgerrechtler –wie wir heute sagen – engagiert haben. In Erfurt gab es, anders als in anderen DDR-Städten, mehrere Frauengruppen, die sich für eine freie Kunst, für Frauenrechte über das Recht auf Arbeit hinaus, für eine aus der Erfahrung von Frauen und Müttern geprägten Politik engagierten. Und deshalb ist es kein Zufall, dass die Initiative für die Besetzung am 4. 12. 89 von zwei Frauen – parallel und unabhängig voneinander – ausging. Und dass bei der Besetzung viele Frauen Akteurinnen waren. Stellvertretend sei hier eine genannt:

Almuth Falcke,

die gleich als eine der ersten nachdem sie angerufen wurde, mit ihrem Mann Heino Falcke hierher kam und die spontan von der Gruppe von 10 Personen, die die Stasi erst nur einlassen wollte, zur Sprecherin ernannt wurde und mit Klarheit die Forderungen nach vor allem sofortige Beendigung der Arbeit dieser Behörde und sofortiger Stopp der Aktenverbrennung  vortrug.

Aber es wird dem Ereignis dieser ersten Besetzung des DDR-Geheimdienstes nicht gerecht, die Akteure der Stasi-Besetzung auf eine Zahl von Frauen zu begrenzen. Es waren viele, Frauen und Männer, die am 4. 12. 89 die Macht der Stasi gebrochen und damit die Angst vor Haft und Repressalien überwunden haben. Und es waren immer noch viele, die unmittelbar danach im Bürgerkomitee und bei der Bürgerwache mitgemacht haben und damit wesentlich dazu beigetragen haben, dass heute jeder in seine vom MfS über ihn angelegten Akten einsehen kann. Dass Haft und Diktatur und was sie den Menschen angetan hat, aufgearbeitet werden kann.

Wir als Gesellschaft für Zeitgeschichte haben es uns zur Aufgabe gemacht, diese Geschichte der Überwindung der Diktatur aufzuschreiben, zu erzählen und hier in Erfurt einen Ort zu schaffen, der für diese Geschichte steht. Neben der Ausstellung, die heute eröffnet wird, lebt diese Bildungsstätte von Zeitzeugen. Von Zeitzeugen, die über ihr Leben in der Diktatur berichten, vom Alltag und dem Druck sich anzupassen, von politischer Verfolgung und Haft, was man sich heute alles nicht mehr vorstellen kann. Und die über ihr Aufbegehren und ihren Widerstand berichten bis hin zu dem Aufbruch im Herbst 89, über die friedliche Revolution und ihr eigenes Tun in dieser Zeit.

 Das wird sehr unterschiedlich sein. Manche können sehr viel berichten weil sie in dieser Zeit vielfach und öffentlich aktiv waren. Aber genauso wichtig sind die Berichte derer,  die ihre Aktivitäten nur als Kleinigkeiten empfinden, die für sie selbst aber eine große Überwindung bedeuteten. Ich wünsche mir, dass diese Berichte immer wahrhaftig bleiben, wohl wissend, dass mit der Zeit die Erinnerung des Erlebten von den eigenen Erfahrungen und Haltungen geprägt wird. Ich wünsche mir, dass die Geschehnisse dabei nicht auf einzelne auffallende Personen fokussiert werden, ohne die Namen der Akteure zu verschweigen.

2003 haben wir gemeinsam mit der damaligen Landesbeauftragten den Abriss verhindert und mit dem ersten  Einschlussprojekt 2005 den ehemaligen Häftlingen erstmals ermöglicht, an diesen Ort der Repression zurückzukehren.

Gedenken, Erinnern, Lernen – unter diesen drei Worten haben wir dann vor reichlich 6 Jahren die konzeptionelle Arbeit für diesen Ort begonnen. Damit Haft, Diktatur und Revolution angemessen nachvollziehbar werden. Für die, die es erlebt haben, für die, die darunter gelitten haben. Aber vor allem für die, die es nicht erlebt haben. Sie sollen hier lernen, dass sich politisches Engagement lohnt, selbst wenn es ausweglos erscheint. Und dass es in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft genauso notwendig ist, auch wenn es hier viel einfacher ist. Denn Freiheit und Demokratische Mitbestimmung sind in keiner Gesellschaft selbstverständlich und sind nur lebendig, wenn sie von den Menschen in der Gesellschaft aktiv immer wieder neu gestaltet werden. Auch unsere Gesellschaft braucht unangepasste, widerständige und Frauen und Männer mit Visionen für ein besseres Leben, nicht nur für sich selbst.

Möge diese Bildungs- und Gedenkstätte und die Besucher- und Bildungsarbeit  in ihr einen Beitrag dazu leisten.